Tagesheiliger, Spruch des Tages





Katharina v. Siena

Dialog der göttlichen Vorsehung 2020




24.04.2020

Einführung (von Rudi Haberstroh)
.....Der Dialog entstand im Herbst 1378.....

.....kehrte Katharina nach Hause zurück und beschäftigte sich fleißig damit, ein
Buch zu verfassen, das sie auf Eingebung des Heiligen Geistes in ihrer Sprache
diktierte. Sie hatte die Schreiber, deren sie sich zum Schreiben ihrer vielen
Briefe bediente, beauftragt, auf alles genau zu achten,.....
„.....Und doch hat durch Gottes Fügung die Heilige im ekstatischen Zustand das
ganze Buch diktiert, damit wir erkennen, dass das Buch nicht aus der natürlichen
Kraft, sondern allein aus der Eingebung des Heiligen Geistes hervorgegangen
ist». Das Buch, von dem hier die Rede ist, ist der Dialog.
Dieses literarische Werk ist die getreue Wiedergabe der mystischen Zwiesprache
zwischen Gott und Katharina. Der himmlische Vater gibt ihr Antwort auf die
Fragen, die sie an Ihn richtet. Katharina allein hört die Worte aus dem Munde
Gottes und überträgt sie in ihre Volkssprache. So diktierte sie stundenlang
während mehrerer Tage. Der Dominikaner Tommaso Caffarini, ein Augenzeuge
und langjähriger Vertrauter Katharinas, schreibt: «Zuweilen drückte sie ihre
Hände gefaltet an die Brust; hie und da ging sie im Zimmer auf und ab oder kniete
zuweilen kurze Zeit nieder. Immer aber waren ihre Augen zum Himmel gerichtet.
Musste sie aber infolge zufälliger Hindernisse einige Tage vorübergehen lassen,
ohne zu diktieren, so nahm sie, als wäre ihr alles vollkommen gegenwärtig, den
Faden da wieder auf, wo sie aufgehört hatte.».....
.....Der Text geht ohne Unterbrechung weiter.
......Christus, den Sohn Gottes, nennt sie fast immer das «Wort» (Joh. I.Kap.)
oder die «Wahrheit», weil Er das Licht der Welt ist und uns die tiefsten
Wahrheiten geoffenbart hat....Der Heilige Geist heißt der «Diener». Die Liebe
Gottes hat Ihn zu unserm Diener, Lenker und Tröster bestellt. Der Heilige Geist
ist das ausführende Organ der göttlichen Vorsehung.
Was Katharina innerlich schmerzt und betrübt, ist die Blindheit und sittliche
Verdorbenheit der sündigen Menschen. Schonungslos deckt sie die Laster jener
Zeit auf....


Papst Benedikt zur Hl. Katharina von Siena vom 24.11.2010

Liebe Brüder und Schwestern!
Heute möchte ich über eine Frau sprechen, die eine herausragende Rolle in der Kirchengeschichte hatte. Es handelt sich um die hl. Katharina von Siena. Das Jahrhundert, in dem sie lebte – das 14. Jahrhundert –, war eine schwierige Zeit für das Leben der Kirche und der ganzen Gesellschaftsstruktur in Italien und in Europa. Doch der Herr lässt auch in Augenblicken großer Schwierigkeiten nicht ab, Sein Volk zu segnen, indem er heilige Männer und Frauen erweckt, die den Verstand und das Herz aufrütteln und Bekehrung und Erneuerung bewirken. Katharina ist eine von ihnen, und auch heute noch spricht sie zu uns und spornt uns an, mutig den Weg zur Heiligkeit zu beschreiten, um in immer vollkommenerer Weise Jünger des Herrn zu sein.
Sie wurde 1347 in Siena in einer sehr kinderreichen Familie geboren und starb 1380 in Rom. Im Alter von 16 Jahren trat sie, von einer Vision des hl. Dominikus veranlasst, in den weiblichen Zweig des Dritten Ordens der Dominikaner, den sogenannten »Mantellaten« ein. Sie blieb in der Familie, bekräftigte das Gelübde der Jungfräulichkeit, das sie bereits als Heranwachsende in privater Form abgelegt hatte, und widmete sich dem Gebet, der Buße und den Werken der Nächstenliebe, vor allem zum Wohl der Kranken. Als der Ruf ihrer Heiligkeit sich verbreitete, führte dies zu einer intensiven Tätigkeit geistlicher Beratung für Menschen aller Stände: Adlige und Staatsmänner, Künstler und Menschen aus dem Volk, geweihte Personen, Kleriker, einschließlich Papst Gregors XI., der zu jener Zeit seinen Sitz in Avignon hatte und den Katharina nachdrücklich ermahnte, nach Rom zurückzukehren.
Sie reiste viel, um die innere Reform der Kirche anzuregen und den Frieden zwischen den Staaten zu fördern: Auch aus diesem Grund erklärte der ehrwürdige Diener Gottes Johannes Paul II. sie zur Mitpatronin Europas. Der alte Kontinent sollte niemals die christlichen Wurzeln vergessen, die seinem Weg zugrunde liegen, und auch weiterhin aus dem Evangelium die Grundwerte schöpfen, die Gerechtigkeit und Eintracht gewährleisten.
Katharina hatte viel zu erleiden, wie viele Heilige. Einige misstrauten ihr so sehr, dass das Generalkapitel der Dominikaner sie 1374, sechs Jahre vor ihrem Tod, sogar nach Florenz beorderte, um sie zu prüfen. Ihr wurde ein gelehrter und demütiger Ordensmann zur Seite gestellt, Raimund von Capua, später Generalmagister des Ordens. Er wurde ihr Beichtvater und auch ihr »geistlicher Sohn« und schrieb eine erste vollständige Biographie der Heiligen. Sie wurde 1461 heiliggesprochen.
Die Lehre Katharinas, die nur mit Mühe lesen lernte und erst als Erwachsene schreiben konnte, ist im Dialog der göttlichen Vorsehung oder Buch der göttlichen Lehre, einem Meisterwerk der geistlichen Literatur, in ihren Briefen und in der Sammlung ihrer Gebete enthalten. Ihre Lehre ist mit einem solchen Reichtum ausgestattet, dass der Diener Gottes Paul VI. sie 1970 zur Kirchenlehrerin erklärte. Diesen Titel erhielt sie zusätzlich zu dem der Mitpatronin der Stadt Rom, der dem Wunsch des sel. Pius IX. entsprach, und dem der Patronin Italiens, den der ehrwürdige Diener Gottes Pius XII. ihr zuerkannte.
In einer Vision, die aus Katharinas Herz und Verstand nie mehr ausgelöscht wurde, brachte die Gottesmutter sie zu Jesus, Der ihr einen wunderschönen Ring schenkte und zu ihr sagte: »Ich, dein Schöpfer und Erlöser, vermähle dich mit Mir im Glauben, den du stets rein bewahren sollst bis du im Himmel mit mir deine ewige Hochzeit feierst « (vgl. Raimund von Capua, S. Caterina da Siena, Legenda maior, Nr. 115). Jener Ring blieb nur für sie selbst sichtbar. In diesem außergewöhnlichen Ereignis wird der lebendige Mittelpunkt von Katharinas Religiosität und jeder echten Spiritualität deutlich: die Christozentrik. Christus ist für sie gleichsam der Bräutigam, zu Dem eine Beziehung der Innerlichkeit, der Gemeinschaft und der Treue besteht; Er ist das über alles geliebte Gut.
Diese tiefe Vereinigung mit dem Herrn wird durch ein anderes Ereignis aus dem Leben dieser bedeutenden Mystikerin erläutert: den Herzenstausch. Raimund von Capua zufolge, der das darlegt, was Katharina ihm anvertraut hat, erschien ihr der Herr mit einem leuchtend roten menschlichen Herzen in der Hand, öffnete ihre Brust, legte es dort hinein und sagte: »Liebste Tochter, so wie Ich jüngst das Herz genommen habe, das du Mir schenken wolltest, so schenke ich dir jetzt das Meinige; von jetzt an wird es den Platz einnehmen, an dem das deinige war« (ebd.). Katharina hat wirklich die Wortes des hl. Paulus gelebt: »nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2,20).
Wie die Heilige aus Siena verspürt jeder Gläubige das Bedürfnis, sich die Empfindungen des Herzens Christi zu eigen zu machen, um Gott und den Nächsten so zu lieben, wie Christus liebt. Und wir alle können unser Herz verwandeln lassen und lernen, wie Christus zu lieben, in Vertrautheit mit Ihm, die genährt wird vom Gebet, von der Betrachtung des Wortes Gottes und von den Sakramenten, vor allem durch den häufigen und ehrfürchtigen Empfang der heiligen Kommunion. Auch Katharina gehört zu jener Schar eucharistischer Heiliger, die ich am Ende meines Apostolischen Schreibens Sacramentum caritatis (vgl. Nr. 94) erwähnt habe.
Liebe Brüder und Schwestern, die Eucharistie ist eine außerordentliche Liebesgabe, die Gott uns immer wieder schenkt, um unserem Glaubensweg Nahrung zu geben, unsere Hoffnung zu stärken, unsere Liebe zu entflammen, um uns ihm immer ähnlicher zu machen. Um eine so starke und authentische Persönlichkeit bildete sich eine echte geistliche Familie: Menschen, die von der sittlichen Autorität dieser jungen Frau mit sehr hohem Lebensniveau angezogen waren. Manchmal waren sie auch beeindruckt von den mystischen Phänomenen, denen sie beiwohnten, wie den häufigen Ekstasen. Viele stellten sich in ihren Dienst und betrachteten es vor allem als Privileg, von Katharina geistlich geleitet zu werden. Sie nannten sie »Mama«, denn als geistliche Kinder erhielten sie von ihr die Nahrung des Geistes.




19.05.2020
II.
ANTWORT AUF DIE ZWEITE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE GESAMTE WELT

1. DAS GESCHENK DES MENSCH GEWORDENEN GOTTES

Gottes Wort und eingeborener Sohn ist die Brücke über den Strom der Sünde

20) Da antwortete Gott auf diese Bitte, nämlich auf ihr Verlangen nach dem Heil ihres Seelenvaters: Kind, ich will, dass er Mir, der Wahrheit, selber zu gefallen suche, in Sehnsucht nach dem Heil der Seelen und mit jeglicher Bereitwilligkeit. Dies aber wird weder ihm, noch dir, noch sonst jemandem gelingen, ohne zahlreiche Verfolgungen zu erleiden, so wie Ich sie euch zumessen werde.
Wenn ihr also Meine Verherrlichung in der heiligen Kirche erblicken wollt, so müsst ihr die Liebe in euch aufnehmen und mit wahrer Geduld ertragen wollen; daran werde Ich erkennen, ob er und du und Meine übrigen Knechte wahrhaft Meine Ehre suchen. Dann wird er Mein geliebtester Sohn sein und mit den andern an der Brust Meines eingeborenen Sohnes ruhen, den Ich zu einer Brücke gemacht habe, damit ihr alle zu eurem Ziel gelangen und die Frucht eurer aus Liebe zu Mir erduldeten Mühen empfangen könnt.
21) Denn Ich habe das Wort, Meinen eingeborenen Sohn, zur Brücke gemacht, und dies ist die Wahrheit. Durch die Sünde und den Ungehorsam Adams wurde die Straße unterbrochen, so dass keiner mehr zum unvergänglichen Leben hingelangen konnte, denn die Schuld hatte den Himmel und das Tor Meines Erbarmens verriegelt. Sie trieb Dornen, Bedrängnisse und vielerlei Beschwerden hervor, und der Aufruhr richtete sich gegen die Kreatur selbst. Kaum hatte sich nämlich der Mensch gegen Mich aufgelehnt, empörte er sich auch gegen sich.
Das Fleisch empörte sich alsogleich wider den Geist; der Mensch verlor den Zustand seiner Unschuld und wurde zum unreinen Tier. Alle erschaffenen Dinge erhoben sich wider ihn und wären ihm doch wie zu Beginn untertan geblieben, wenn er sich in dem Stand bewahrt hätte, in den Ich ihn eingesetzt. Weil er sich aber darin nicht bewahrte, verstieß er gegen den Gehorsam zu Mir und verdiente sich den ewigen Tod für Leib und Seele.

Und kaum hatte der Mensch gesündigt, wälzte sich ein reißender Strom daher; dessen Wellen werfen ihn unablässig hin und her und treiben ihm Mühsale und Widerwärtigkeiten zu, die er sich selbst bereitet oder die ihm vom Teufel und der Welt bereitet werden. Ihr alle wart am Ertrinken, und keiner, er mochte noch so gerecht sein, konnte zum ewigen Leben gelangen. Darum habe Ich euch, um euch aus euren vielen Übeln herauszuhelfen, eine Brücke beschert in Meinem Sohn, damit ihr ohne zu ertrinken den Strom überschreiten könnt. Der Strom ist das stürmische Meer eures finsteren Lebens.



18.05.2020
II.
ANTWORT AUF DIE ZWEITE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE GESAMTE WELT

2. DAS GESCHENK DES MENSCH GEWORDENEN GOTTES

Offenbarung der Sünde der Welt, um die Seele zu größerem Eifer anzuspornen

19) Da fühlte sich jene Seele wie trunken und außer sich im wachsenden Feuer des heiligen Verlangens, zugleich glückselig und voller Schmerz. Glückselig machte sie die Einigung, die sie in Gott erfahren hatte und die sie, ganz vernichtet in Seinem Erbarmen, Seine Großmut und Güte verkosten ließ; Schmerz bereitete ihr, soviel Güte gekränkt zu sehen. Und sie dankte der Göttlichen Majestät, da sie zu erkennen glaubte, dass Gott ihr die Mängel der Geschöpfe nur kundgetan hatte, um sie zu zwingen, sich mit noch größerem Eifer und Verlangen aufzurichten.
Also öffnete sie das Auge des Geistes und spiegelte sich in der göttlichen Liebe, wo sie wahrnahm und kostete, wie sehr wir verpflichtet sind, die Verherrlichung und den Lobpreis Gottes im Heil der Seelen zu lieben und zu suchen. Dazu sah sie die Knechte Gottes berufen, und vor allem berief und erwählte die ewige Wahrheit den Vater ihrer Seelel, den sie nun vor die göttliche Güte brachte mit der Bitte, ihm ein Gnadenlicht einzugießen, damit er wahrhaftig dieser Wahrheit folge.
1 Raymund von Capua. 32



17.05.2020
II.
ANTWORT AUF DIE ZWEITE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE GESAMTE WELT

3. DAS GESCHENK DES MENSCH GEWORDENEN GOTTES

Klage Gottes über die Eigensucht Seiner Kreatur

17) Gott aber, wie trunken von der Liebe zu unserem Heil, unternahm es nun, noch größeren Liebeseifer und Schmerz in dieser Seele zu entfachen. Er wies sie darauf hin, mit wie viel Liebe Er den Menschen erschaffen hatte und sprach: Siehst du nicht, wie jeder Mich schlägt? Ich aber habe sie mit solch glühender Liebe erschaffen und mit Gnade ausgestattet, habe all die vielen, schier unzähligen Gaben ihnen aus freier Güte verliehen, nicht weil Ich sie ihnen schuldig war.
Sieh doch, Kind, mit wie vielen und verschiedenartigen Sünden sie Mich schlagen, vor allem mit ihrer elenden und verabscheuungswürdigen Eigensucht, der jegliches Unrecht entspringt. Damit haben sie die gesamte Welt vergiftet, denn wie die Liebe zu Mir jedes Gute, das im Nächsten zum Leben kommt, umfasst, so die sinnliche Eigensucht jegliches Böse. Keiner kann Gottes Hand entrinnen.
18) Keiner aber, das sollst du wissen, kann Meinen Händen entrinnen, denn Ich bin der Ich bin, ihr aber seid nicht aus euch selbst, sondern nur sofern ihr von Mir erschaffen seid. Ich bin der Schöpfer aller Dinge, die am Sein teilhaben, mit Ausnahme der Sünde, die nicht ist und deshalb auch nicht von Mir erschaffen wurde. Da sie aber nicht in Mir ist, darum ist sie auch nicht liebenswert. Und doch beleidigt Mich das Geschöpf, indem es liebt, was es nicht lieben soll, nämlich die Sünde, Mich aber hasst, Den zu lieben es gehalten und verpflichtet ist, weil Ich das höchste Gut bin und ihm in solcher Liebesglut das Dasein verliehen habe. Von Mir aber kommen sie nicht los, denn entweder stehen sie in Meiner Gerechtigkeit um ihrer Sünden willen oder in Meinem Erbarmen. Öffne also das Auge deines Geistes und blicke in Meine Hand, du wirst sehen, dass dies die Wahrheit ist.
Dem höchsten Vater gehorsam erhob die Seele ihr Auge und erblickte das Weltall von Seiner Faust umschlossen. Und (Gott sprach): Mein Kind, nun sieh und wisse, keiner kann Mir entrissen werden. Sie sind Mein, von Mir erschaffen und unaussprechlich geliebt. Darum will Ich ihnen trotz ihrer Bosheit mit Hilfe Meiner Knechte Erbarmen erweisen und dein Gebet erhören, das du mit soviel Liebe und Schmerz an Mich gerichtet hast.



16.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Lob und Bittgebet der Seele für die gesamte Welt

16) Nun erhob sich die Seele in tieferer Einsicht vor der göttlichen Majestät, voll höchster Freude, gestärkt in der Hoffnung und in der unsäglichen Liebe, die sie beim Anblick des göttlichen Erbarmens ergriffen hatte und angesichts der Liebe und des Verlangens Gottes verkostete, Der dem Menschen trotz seiner Feindseligkeit Erbarmen erweisen wollte und Seinen Knechten Mittel und Wege gewiesen hatte, Seine Güte zu erzwingen und Seinen Zorn zu besänftigen. Die Seele frohlockte, und in der Einsicht, dass Gott mit ihr war, verlor sie jegliche Furcht vor den Nachstellungen der Welt.
Das Feuer heiligen Verlangens loderte mächtig auf, so dass sie sich nicht zufrieden gab, sondern nunmehr mit heiliger Bestimmtheit Erbarmen für die gesamte Welt erflehte.
Und gewiss umfasste die zweite Bitte, nämlich die um Erneuerung der Kirche, das Wohl und den Nutzen von Christen und Ungläubigen, dennoch weitete sie, wie ausgehungert, ihr Gebet auf die gesamte Welt aus, so wie Gott ihr zu bitten eingab, und rief: « Erbarme Dich, ewiger Gott, Deiner Schafe, als der gute Hirt, Der Du bist. Zögere nicht, Dich der Welt zu erbarmen, denn fast scheint es, als sei sie am Ende ihrer Kraft; überall scheint sie der Einheit der Liebe zu entbehren : mit Dir, ewige Wahrheit, und auch der Einheit der Menschen untereinander, denn sie lieben sich gegenseitig nicht mit der Liebe, die in Dir ihren Grund hat.»



15.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Die Schuld nach dem Leiden Christi zieht schwere Strafe nach sich

15) Wissen sollst du, Mein Kind: das Menschengeschlecht, das Ich im Blut Meines eingeborenen Sohnes neuerschaffen und in die Gnade heimgeholt habe, anerkennt die empfangene Gnade mitnichten. Die Menschen geraten vom Argen ins Schlimmere, fallen von Schuld zu Schuld und verfolgen Mich mit vielen Schmähungen; sie achten Meine Gnadenerweise so gering, dass sie diese nicht einmal für eine Gunst halten, sondern geradezu eine ihnen angetane Kränkung darin erblicken, als trüge Ich anderes im Sinn als ihre Heiligung. Solche, sage Ich, werden eine härtere und größere Strafe erhalten. Und es wird ihnen jetzt, nachdem sie die Erlösung im Blute Meines eingeborenen Sohnes empfangen haben, schlimmer ergehen als zuvor, das heißt ehe die Fäulnis der Adamssünde von ihnen genommen war. Denn so ist es: wer mehr empfangen hat, soll auch mehr erstatten, denn er ist dem Geber tiefer verpflichtet.
Aber es scheint nicht, dass sie dies merken und ihrer Übel bewusst sind; sie sind eben dann Meine Feinde geworden, da ich sie im Blut Meines Sohnes mit Mir versöhnt hatte.
Nehmt also die Tränen und den Schweiß, schöpft sie aus dem Brunnen Meiner Liebe, du und Meine anderen Knechte, und wascht damit das Antlitz Meiner Braut, und Ich verspreche dir, ihre Schönheit wird dadurch wieder hergestellt werden. Weder mit Hilfe des Schwertes, noch durch Krieg und Grausamkeiten wird sie diese Schönheit neugewinnen, sondern durch ihre Friedfertigkeit, in demütigen und unaufhörlichen Gebeten und im Schweiße und in den in Trübsal und Sehnsucht vergossenen Tränen Meiner Knechte.



14.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Klage Gottes und Hinweis auf Sein in der Menschwerdung ergangenes Erbarmen (Teil II)

In der Einigung der beiden Naturen nahm Ich das Opfer des Blutes Meines Sohnes an, das mit der göttlichen Natur vermengt und verschmolzen wurde durch das Feuer Meiner göttlichen Liebe; sie war die Fessel, die Meinen Sohn ans Kreuz geheftet und genagelt hielt. So nur wurde die menschliche Natur befähigt, die Schuld zu sühnen und zwar allein in der Kraft der göttlichen Natur; auf diese Art wurde die Fäulnis der Sünde Adams hinweggenommen, und es verblieb davon nur die Spur: die Neigung zur Sünde und alle leiblichen Mängel, so wie die Narbe zurückbleibt, wenn der Mensch von einer Verwundung geheilt ist.
Da nun der große Arzt, Mein eingeborener Sohn, gekommen war, heilte Er den kranken Menschen, indem Er die bittere Arznei trank, die der allzu Geschwächte nicht mehr zu trinken vermochte. Er handelte wie die stillende Amme, die anstelle des Kindleins die Arznei einnimmt, weil sie groß und stark ist, das Kindlein aber nicht kräftig genug, um das Bittere zu vertragen. So hat Er Sich zur Amme gemacht, indem Er in der Größe und Kraft Seiner Gottheit, die sich mit eurer Natur verband, die bittere Arznei des schmerzvollen Kreuzestodes auf sich nahm, um euch, den durch die Schuld geschwächten Kindern, Heilung und Leben zu schenken.
Dies geschieht in der heiligen Taufe, die in der Kraft des glorreichen und kostbaren Blutes wirksam ist und das Leben der Gnade schenkt. Sie macht das Gefäß der Seele bereit, Gnade zu empfangen und in sich zu vermehren: viel oder wenig, je nach ihrer Bereitschaft, Mich voll Eifer und Verlangen zu lieben und Mir zu dienen. Denn ungeachtet der in der heiligen Taufe empfangenen Gnade kann sie sich zum Bösen oder Guten entscheiden.
Ist der Mensch nämlich zum Vernunftalter gelangt, so kann er sich des Guten oder Schlechten nach eigenem Ermessen bedienen. Die Freiheit des Menschen ist groß und sie wurde durch die Kraft dieses glorreichen Blutes so gestärkt, dass weder der Teufel noch irgendein anderes Geschöpf ihn gegen seinen Willen auch nur zur geringsten Sünde zwingen kann. Seine Knechtschaft ist von ihm genommen, und er wurde befreit, auf dass er seine eigene Sinnlichkeit beherrsche und zu dem Ziel gelange, für das er geschaffen ist.



13.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Klage Gottes und Hinweis auf Sein in der Menschwerdung ergangenes Erbarmen (Teil I)

14) Da wandte Gott das Auge Seines Erbarmens der Seele zu, und indem Er sich von ihren Tränen bezwingen und vom Tau ihres heiligen Verlangens fesseln ließ, sprach Er klagend: Liebes Kind, diese Tränen bezwingen Mich, weil sie eins sind mit Meiner Liebe und aus Liebe zu Mir vergossen werden, und euer schmerzliches Verlangen bindet Mich. Aber schau doch und sieh, wie Meine Braut sich ihr Antlitz beschmutzt hat, wie aussätzig sie ist von Unrat und Eigensucht und aufgetrieben vom Hochmut und von der Habsucht derer, die sich an ihrer Brust nähren. Von Meinen Dienern rede Ich, die sich an ihrer Brust aufhalten und nähren. Und nicht bloß sich selber haben sie an ihrer Brust zu nähren und zu erhalten, sondern den gesamten Leib der Christenheit und jeden, der aus der Finsternis des Unglaubens sich aufrichten und als Glied sich Meiner Kirche anschließen will.
Siehst du, in welcher Unwissenheit und Finsternis, mit welchem Undank die glorreiche Milch und das Blut dieser Braut ausgeteilt wird mit unreinen Händen? Und mit welcher Anmaßung und Ehrfurchtslosigkeit es empfangen wird? Und doch schenkte das kostbare Blut Meines eingeborenen Sohnes das Leben, nahm Tod und Finsternis weg, brachte Licht und Wahrheit und machte die Lüge zunichte. Alles schenkte euch dieses Blut, es erwirkte das Heil und führt jeden, der sich zu seinem Empfang bereitmacht zur menschlichen Vollendung.
Wer es jedoch unwürdig, in der Finsternis der Todsünde empfängt, dem gibt es Tod und nicht Leben. Und dies nicht aufgrund eines Versagens des Blutes oder des Dieners, selbst wenn dieser sich in gleich schlimmer Verfassung oder in einer noch ärgeren befände. Dessen Bosheit verdirbt und beschmutzt das Blut nicht, noch vermindert sie dessen Gnade und Kraft, und ebenso wenig schädigt sie denjenigen, dem er es reicht. Sich selbst aber schadet er durch seine Schuld, auf die Strafe folgen wird, wenn er sich nicht in wahrer Reue und in Abscheu vor der Sünde bessert.
Wohl aber gereicht das Blut demjenigen zum Schaden, der es unwürdig empfängt aufgrund der eigenen schlechten Verfassung und eigenen Versagens, da er die Frucht des Blutes, die er bei der heiligen Taufe empfing, mit den Füßen seiner Leidenschaft zertritt. Durch die Kraft des Blutes ist ihm bereits die Makel der Erbsünde hinweggenommen worden, die er bei seiner Empfängnis von den Eltern empfing. Weil das menschliche Fleisch durch die Sünde des ersten Menschen Adam verdorben war und ihr alle als aus diesem Stoff geformte Gefäße verderbt und unfähig zum ewigen Leben seid, darum gab Ich Meinen eingeborenen Sohn dahin sandte das Wort, mit derselben Natur bekleidet wie ihr, mit dem verderbten Fleische Adams, damit er in eben der Natur die gesündigt hatte, die Strafe erdulde. Und indem Er in Seinem Leib litt bis zum schmachvollen Kreuzestod, stillte Er Meinen Zorn.



12.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Die göttliche Antwort ermutigt die Seele zu neuer Bitte (Teil II)

Was nützte es mir, wenn ich mich im Besitz des ewigen Lebens sähe, Dein Volk aber wäre im Tod? Und Finsternis griffe um sich in Deiner Braut, die doch das Licht ist, und dies vor allem durch meine Sünden und die Deiner anderen Geschöpfe ? So will ich es denn und bestürme Dich, bei der unerschaffenen Liebe, die Dich bewegte, den Menschen nach Deinem Bild und Gleichnis zu erschaffen mit den Worten: Lasset uns den Menschen nach Unserem Bild und Gleichnis schaffen, womit Du gewollt hast, dass der Mensch ganz teilhabe an Dir, hohe und ewige Dreieinigkeit.
Dazu gabst Du ihm das Gedächtnis, damit er sich Deiner Wohltaten erinnere und in ihm teilhabe an Deiner Macht, ewiger Vater; und Du verliehst ihm den Verstand, damit er angesichts Deiner Güte erkenne und an der Weisheit Deines eingeborenen Sohnes teilhabe; und Du gabst ihm den Willen, damit er das lieben könne, was der Verstand von Deiner Wahrheit wahrnimmt und erkennt, und dadurch teilhabe an der Milde des Heiligen Geistes.
Weshalb hast Du den Menschen zu solcher Würde erhoben? Um der unausdenklichen Liebe willen, mit der Du in Dir selbst Dein Geschöpf erblicktest und in Liebe zu ihm erglühtest. Darum hast Du es aus Liebe erschaffen und ihm das Dasein gegeben, damit es Dich, höchstes, ewiges Gut, verkoste. Ich weiß, durch die begangene Schuld verlor es diese Würde; infolge der Auflehnung gegen Dich geriet es in Widersteit zu Deiner Milde: es wurde Dein Feind. Du aber, bewegt vom selben Feuer, mit dem Du es schufst, wolltest auch das Mittel verleihen, das Menschengeschlecht mit Dir zu versöhnen, damit aus dem Streit der große Friede erwüchse : Du gabst uns das Wort, Deinen eingeborenen Sohn, der zum Mittler wurde zwischen uns und Dir.
Er wurde unsere Gerechtigkeit, denn an Sich selbst strafte Er das Unrecht und erwies Dir, ewiger Vater, den Gehorsam, den Du ihm auferlegt hast, als Du ihn mit unserer Menschheit bekleidetest, nach unserem Bild und Menschenwesen. O Abgrund der Liebe! Wie sollte ein Herz nicht zerspringen, wenn es die Hoheit absteigen sieht zu solcher Niedrigkeit wie die unserer Menschennatur? Wir sind Dein Ebenbild und Du bist das unsrige kraft der Einigung, die Du im Menschen vollzogen hast, indem Du Deine ewige Gottheit mit dem erbärmlichen Gewölk und dem verderbten Fleische Adams verhüllt hast. Und die Ursache dafür? Liebe. Du, Gott, bist Mensch und der Mensch ist Gott geworden. Um dieser unsäglichen Liebe willen bedränge ich Dich und flehe Dich an, Du wollest Dich Deiner Geschöpfe erbarmen.



11.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Die göttliche Antwort ermutigt die Seele zu neuer Bitte (Teil I)

13) Da ergriff die Seele, die von überstarker Sehnsucht brannte und erglühte, unsägliche Liebe zur großen Güte Gottes; sie erkannte Seine überströmende Liebe, die mit solcher Milde auf ihre Bitten zu antworten und ihnen zu entsprechen geruht hatte, indem Sie ihr in der Bitternis über die Beleidigung Gottes, das Verderben der heiligen Kirche und ihr eigenes Elend Hoffnung verlieh und damit ihre Bitternis milderte und auch gleichzeitig wachsen ließ.
Wie eine Befleckung des menschlichen Antlitzes im Spiegel deutlicher gesehen wird, so ist es bei der Seele. Wenn sie sich in wahrer Selbsterkenntnis und Sehnsucht aufmacht, um mit dem Auge des Geistes in Gottes holden Spiegel zu schauen, dann erkennt sie dank der Reinheit, die sie dort erblickt, die Makel im eigenen Antlitz weit besser.
"Weil aber das Licht und die Erkenntnis in ihr zugenommen hatten, war auch die süße Bitternis in ihr gewachsen und zugleich doch auch gemildert worden, und zwar durch die Hoffnung, die ihr die höchste Wahrheit verlieh. Aber wie das Feuer auflodert, wenn man ihm Brennstoff zuführt, so wuchs das Feuer in der Seele dergestalt, dass der menschliche Leib nicht mehr fähig war, die Seele zu halten, dass sie ihm nicht entfliehe. Wäre sie nicht von der Kraft Dessen umschlossen gewesen, Der die höchste Kraft ist, hätte sie niemals standzuhalten vermocht.
Als nun die Seele im Feuer der göttlichen Liebe geläutert worden war und ihr Verlangen sich zugleich mit der Zuversicht auf die Rettung der gesamten Welt und die Erneuerung der heiligen Kirche vermehrte, da erhob sie sich mit Bestimmtheit vor dem höchsten Vater, und indem sie auf den Aussatz der heiligen Kirche und das Elend der Welt hinwies, sprach sie fast mit den Worten Moses': Mein Herr, wende das Auge Deines Erbarmens Deinem Volk und dem mystischen Leib der heiligen Kirche zu. Wenn Du so zahlreichen Geschöpfen Verzeihung und Erkenntnislicht gewähren wolltest, würdest Du weit mehr gepriesen als nur durch mich Elende, die ich Dich so oft beleidigt habe und Anlass und Werkzeug bin zu jeglichem Bösen. Darum flehe ich Dich an, göttliche, ewige Liebe, Dich an mir zu rächen, Deinem Volk aber Barmherzigkeit zu erzeigen. Nicht eher werde ich aus Deinem Angesicht weichen, als bis ich gesehen habe, dass Du ihm Erbarmen erzeigst.



10.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Die Erneuerung der Kirche wird durch Leid und Trübsal erwirkt

12) Das alles habe Ich dir gezeigt, damit ihr, du und Meine anderen Knechte, wisst, auf welche Art ihr euch Mir darbringen könnt, nämlich als ein zeitliches und geistiges Opfer zugleich; beide sind so miteinander vereint, wie das Wasser sich mit dem Kelch eint, den man dem Herrn darbringt. Denn Wasser ohne den Kelch lässt sich nicht darbringen, und brächte man den Kelch ohne Wasser dar, so wäre er Ihm nicht wohlgefällig. Also sage Ich euch, dass ihr den Kelch eurer vielen zeitlichen Mühsale Mir darbringen sollt, wie auch immer Ich sie euch zuteile und ohne dass ihr euch selber Ort, Zeit und Mühen nach eurem Ermessen aussucht, sondern entsprechend dem Meinen. Dieser Kelch aber soll gefüllt sein, das heißt in Liebe und wahrer Geduld alle tragen, dann werden auch eure Mühsale, die Ich dir als Kelch vorstellte, angefüllt sein mit dem Wasser Meiner Gnade, das der Seele Leben verleiht.
Ertragt also tapfer und bis zum Tode; dies wird Mir zum Zeichen sein, dass ihr Mich in Wahrheit liebt; wendet euch nicht aus Angst vor einem Geschöpf oder vor Bedrängnissen zurück nach dem Pflug, frohlockt vielmehr in der Drangsal. Die Welt ergötzt sich daran, Mich auf vielerlei Art zu schmähen, ihr aber seid in der Welt betrübt über die Schmähungen, die man Mir antut: indem die Menschen Mich verletzen, verletzen sie euch, und euch verletzend, verletzen sie Mich, da Ich eins geworden bin mit euch.
Nun sieh: Ich hatte euch Menschen Mein Bild und Gleichnis verliehen, ihr aber habt die Gnade durch die Sünden verloren, da habe Ich, um euch das Leben der Gnade wiederzugeben, Meine Natur mit der euren verbunden und sie in eurer Menschheit verhüllt. Und da ihr Mein Bild seid, so ergriff Ich das eure und nahm Menschengestalt an. So dass Ich nun eins bin mit euch, sofern nur die Seele sich nicht durch Sündenschuld von Mir trennt; wer Mich aber liebt, der bleibt in Mir und Ich in ihm (Jo 14, 21).
Deshalb verfolgt Ihn die Welt, denn es besteht kein Einklang zwischen ihr und Mir, darum verfolgte sie Meinen eingeborenen Sohn bis zum schmachvollen Tod am Kreuz und verfährt mit euch jetzt ebenso. Sie verfolgt euch und wird euch bis zum Tode verfolgen, weil sie Mich nicht liebt; denn hätte sie Mich geliebt, so würde sie auch euch lieben. Freut euch aber, denn eure Freude wird im Himmel vollkommen sein (Jo 15, 18f.; 14, 11.)
Ja, Ich sage dir: je mehr die Bedrängnisse am mystischen Leib der heiligen Kirche jetzt überhandnehmen, desto reichlicher sollen ihr Erquickung und Trost zuteil werden. Und dies wird ihre Erquickung sein: heilige und gute Hirten werden kommen, diese Blüten der Verherrlichung, auf dass sie Meinem Namen Ehre und Lob erweisen und den Duft der in der Wahrheit begründeten Tugenden zu Mir aufsteigen lassen. Darin besteht die Erneuerung Meiner Diener und Hirten. Nicht die Frucht der Braut bedarf der Erneuerung, denn sie wird durch die Fehler Meiner Diener weder geschädigt noch verdorben. Also freut euch inmitten der Bitternis! Du, der Vater deiner Seele und Meine übrigen Knechte, denn Ich, ewige Wahrheit, habe euch nach der Bitternis Erfrischung verheißen und werde euch bei dem vielen Dulden Trost spenden in der Erneuerung der heiligen Kirche.


09.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

Über Buße und leibliche Werke im Hinblick auf die innere Tugend (Teil III)

Du siehst also, dass jede Seele, die die Gnade erstrebt, mit Unterscheidung gibt und geben soll: Mir Liebe ohne Maß und Ende, dem Nächsten aber zusammen mit Meiner unendlichen Liebe die maßvoll geordnete Nächstenliebe, wie Ich sie dir schilderte, die sich nicht selbst durch Schuld schädigt, um andern zu nützen. Dazu ermahnt euch der heilige Paulus durch sein Wort, dass die Liebe zuerst bei sich beginnen muss, weil sie sonst anderen nicht in vollem Maße nützlich sein kann (Gal 6,25; 1 Kor 9,22.20). Wahre Nächstenliebe sieht dies ein und trägt das Licht heiliger Unterscheidung stets in sich. Diese Liebe ist das Licht, das jegliches Dunkel verscheucht, die Unwissenheit beseitigt und alles gute Tun und die angebrachten Mittel daraufhin ausrichtend durchdringt. Sie besitzt eine Klugheit, die sich nicht irreführen lässt, und eine unüberwindliche Stärke. Ihre Ausdauer hält durch bis zuletzt und spannt sich vom Himmel bis zur Erde, das heißt von der Gotteserkenntnis bis zur Selbsterkenntnis, von der Liebe zu Mir bis zur Nächstenliebe. In echter Demut entgeht sie allen Schlingen des Teufels wie der Geschöpfe und entschlüpft ihnen klug. Mit unbewaffneter Hand, im geduldigen Ertragen nämlich, hat sie Teufel und Fleisch mit Hilfe dieses holden und herrlichen Lichtes niedergerungen, denn darin erkannte sie ihre eigene Hinfälligkeit und erzeigt ihr dieser Erkenntnis gemäß gebührende Abscheu. Sie hat die Welt unter die Füße ihrer Lebensbegierde gezwungen, indem sie sie verachtete und geringschätzte. Ihrer spottend wurde sie ihre Herrin.
Darum vertragen die Weltmenschen die Tugend der Christen schlecht, aber alle ihre Verfolgungen bewirken nur, dass sie wächst und sich bewährt und, nachdem sie in Liebe empfangen wurde, sich am Nächsten erweist und für ihn geboren wird.


Wenn sich die Tugend zur Zeit der Prüfung nicht erweist und vor den Menschen leuchtet, dann wurde sie eben noch nicht wahrhaft empfangen. Es verhält sich mit ihr wie mit einer Frau, die ein Kind empfangen hat: solange sie es nicht geboren und vor den Augen der andern zur Welt gebracht hat, erachtet sich ihr Gatte noch nicht als Vater. So sage auch Ich, als Gemahl der Seele: wenn sie die Frucht ihrer Kraft nicht in der Liebe zum Nächsten hervorbringt und sie nicht entsprechend seinem allgemeinen und besonderen Bedürfnis erweist, dann hat sie in Wahrheit die Tugend nicht in sich empfangen; und dasselbe sage Ich vom Bösen, das genauso in Verbindung mit dem Nächsten geschieht.



08.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Über Buße und leibliche Werke im Hinblick auf die innere Tugend (Teil II)


Deshalb soll auch keiner, der sich ernstlich in lauter Bußwerken um Leibesabtötung müht, so urteilen, als erreiche er größere Vollkommenheit als ein anderer, der darin weniger tut, denn nicht darauf beruhen Tugend und Verdienst. Da käme ja einer schlecht weg, der aus gültigen Gründen keine leiblichen Werke und Kasteiungen verrichten könnte. Einzig auf die Kraft der Liebe kommt es an, die vom Licht der wahren Unterscheidung begleitet wird, denn anders wäre die Liebe ja wertlos. Unbegrenzte, bedingungslose Liebe erweist die Unterscheidung Mir, Der Ich die höchste und ewige Wahrheit bin. Sie setzt der Liebe zu Mir weder Regel noch Ende, dem Nächsten aber wendet sie sich in maßvoller und geordneter Liebe zu.
Wollte einer nämlich, um die gesamte Welt vor der Hölle zu retten oder um eine außerordentliche Heldentat zu vollbringen, eine einzige Sünde begehen, so hätte er keine mit Unterscheidung geordnete Liebe, vielmehr eine unterscheidungslose, denn es ist unerlaubt, sogar eine Heldentat zu vollbringen oder dem Nächsten sonderlich dienstbar zu sein, wenn sich damit die Schuld einer Sünde paart. Heilige Unterscheidung hingegen ist so geordnet, dass die Seele all ihre Kräfte darauf richtet, Mir tapfer und mit aller Sorgfalt zu dienen. Den Nächsten aber liebt sie in liebevoller Zuneigung, indem sie ihr irdisches Leben für das Heil der Seelen tausendmal preisgäbe, falls dies möglich wäre, und Leiden und Qualen erduldete, damit der Nächste das Leben der Gnade erhalte und ihr zeitliches Gut verschenkte zu dessen Unterhalt.



07.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Über Buße und leibliche Werke im Hinblick auf die innere Tugend (Teil I)


11) Als du große Bußwerke für Mich zu tun begehrtest, da antwortete Ich dir in deinem Geist: Ich bin der, der Sich an sparsamer Rede, jedoch an zahlreichen Werken ergötzt, und Ich wollte dir damit zeigen, dass Mir weder der wohlgefällig ist, der bloß mit tönendem Wort Mich anruft und versichert: Herr, Herr, ich möchte etwas für Dich tun, noch jener, der seinen Leib mit vielen Kasteiungen zu peinigen unternimmt, ohne dabei den Eigenwillen abzutöten. Was Ich fordere, sind die vielen Akte tapferen und geduldigen Ertragens und die übrigen geschilderten Erweise der inneren Tugenden, die alle dann wirksam sind, wenn sie die Gnade fruchten lassen.
Alles restliche Tun, das sich von einer anderen Quelle herleitete, erachte Ich als bloßes Rufen mit Worten, denn es sind beschränkte Werke. Ich aber, der Unendliche, verlange unbegrenzte Werke, nämlich grenzenloses Liebesbegehren. Ich will, dass die Kasteiungen und anderen körperlichen Werke als Hilfsmittel betrachtet werden und nicht als das selbstwertig Angestrebte.
Begrenzte Werke sind es, weil sie innerhalb der vergänglichen Zeit getan werden und es daher zuweilen vorkommt, dass der Mensch sie entweder von sich aus abbricht oder von außen dazu veranlasst wird. Das eine Mal unterlässt er sie, weil etwas Unvorhergesehenes ihn an der Ausführung hindert, ein andermal aus Gehorsam gegenüber der Anordnung seines Obern. Fortfahren wäre in diesem Fall nicht bloß ohne jedes Verdienst, sondern sündhaft daran siehst du die Begrenztheit solcher Werke. Als Hilfsmittel sollst du sie also betrachten und nicht als Hauptsache. Denn hältst du sie dafür und musst sie nach einiger Zeit aufgeben, dann bleibt deine Seele leer.
Der glorreiche Apostel Paulus hat euch das gezeigt, da er euch in seinem Brief aufforderte, den Leib zu züchtigen und den Eigenwillen zu ertöten (Gal 5,17 f.), das heißt, zwar imstande zu sein, den Leib durch äußere Kasteiung im Zaum zu halten, falls er sich gegen den Geist erheben will, den Willen aber in allem zu ertöten, zu vernichten und Meinem Willen zu unterwerfen. Dasselbe, was der Seele die Tugend der Unterscheidung einbringt, nämlich der in der Selbsterkenntnis gewonnene Hass und Abscheu gegen die Sünde und die eigene Sinnlichkeit, das eben ertötet auch den Willen.
Mit diesem Messer tötet und beschneidet man die im eigenen Willen wurzelnde Selbstsucht. Wer dies tut, von dem erhalte Ich nicht bloß Worte, sondern viele Werke, und daran erfreue Ich Mich. Wenn Ich viele sage, so nenne ich dir damit keine Zahl, soll doch das Streben der in der Liebe verankerten Seele und Liebe verhilft allen Tugenden zum Leben nach dem Unendlichen zielen.
Sogar das Wort verachte Ich nicht, sagte jedoch, Ich wolle nur sparsame Rede, um dir klarzumachen, dass jedes Tun hienieden begrenzt ist.



06.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Das Gleichnis vom Liebesbaum

10) Weißt du, wie sich diese drei Tugenden zueinander verhalten? So als hättest du einen runden Reifen auf die Erde gelegt und aus seiner Mitte entsprosste ein Baum und triebe seitlich aus seinem Stamm einen Schößling hervor, der mit ihm verbunden ist. Der Baum zieht seine Kraft aus der Erde, die vom Reifen umspannt wird; denn wenn der Baum nicht in diesem Erdreich stünde, so wäre er tot und brächte keine Frucht.

Stelle dir also deine Seele als einen Baum vor, der von der Liebe erschaffen ist und deshalb einzig von der Liebe zu leben vermag. Somit ist es wahr, daß die Seele keine Früchte des Lebens, sondern nur solche des Todes erzeugt, wenn sie die göttliche Glut vollkommener Nächstenliebe nicht besitzt. Die Wurzel dieses Baumes, nämlich das Liebesvermögen der Seele, muss im Reifen der wahren Selbsterkenntnis ihren Standort haben und daraus emporwachsen. Diese Erkenntnis ist in Mir geeint, der ich weder Anfang noch Ende habe, wie der runde Reif; du kannst dich darin noch so um und um drehen, du findest weder Anfang noch Ende und bist doch ganz darinnen. Diese Selbsterkenntnis und in ihr die Erkenntnis Meiner findet sich und besteht im Erdreich der echten Demut, die so weit reicht wie der Reifen, wie die Selbsterkenntnis nämlich, zu der sie in der Einigung mit Mir gelangt ist. Sonst wäre es kein Reif ohne Ende noch Anfang, sondern er hätte einen Anfang, weil die Seele selber begonnen hätte, sich zu erkennen und müsste somit in der Verwirrung endigen, falls diese Erkenntnis nicht in Mir geeint wird.

So nährt sich also der Baum der Liebe von der Demut und treibt aus seinem Stamm das Schoß der Unterscheidung hervor. Das Mark dieses Baumes ist die Geduld; sie ist das unverkennbare Zeichen dafür, dass Ich in der Seele wohne und diese in Mir geeint ist.

Der mit solcher Sorgfalt gepflanzte Baum bringt die wohlriechenden Blüten der Tugenden hervor von gar vielfältigem Duft. Er schenkt der Seele die Frucht der Gnade und dem Nächsten die Frucht des Nutzens, entsprechend seiner Bereitwilligkeit, solche Früchte von Meinen Knechten zu empfangen. Mir bereitet er den Duft des Lobes und Ruhmes Meines Namens, und er tut es, weil Ich den Baum erschuf. Auf diese Weise erreicht er seine Bestimmung, nämlich Mich selbst, das unzerstörbare Leben, das ihm gegen seinen Willen nicht genommen werden kann.


05.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Die Tugend der Unterscheidung (Teil II
)

Vor allem Mir, indem die Seele Meinem Namen Ehre und Lob erweist und Mir die Gnaden und Gaben erstattet, deren Geber sie in Mir wahrnimmt und erkennt. Sich selber teilt sie das ihr Gebührende zu, wenn sie sich bewusst bleibt, nicht aus sich selbst zu sein. Ihr Dasein, von dem sie weiß, daß sie es Meiner Gnade verdankt und jede andere Gnade, die sie zum Dasein hinzu von Mir erhalten hat, schreibt sie Mir zu und nicht sich selber. Angesichts dieser Wohltaten kommt sie sich undankbar und nachlässig vor, weil sie ihre Zeit und die empfangenen Gnaden nicht genützt hat und deshalb offensichtlich Strafe verdient. Daraus wächst ihr die Abscheu und der Ekel vor der Sünde. Dies also macht die Tugend der Unterscheidung aus: Selbsterkenntnis, die in wahrer Demut begründet ist. Ohne Demut wäre die Seele der Unterscheidung unfähig, und dieser Mangel an Unterscheidung hätte seine Wurzel in der Hoffart. Fehlte aber die Unterscheidung, so würde Mir der Mensch wie ein Dieb die Ehre stehlen und sie sich selber geben, in Eigenruhm. Das Seine aber würde er Mir zur Last legen und sich über Meine geheimen Ratschlüsse, die Ich in ihm und in den übrigen Geschöpfen wirke, beklagen und murren: an allem nähme er Anstoß, an Mir und am Nächsten.
Das Gegenteil tun solche, die die Tugend der Unterscheidung besitzen. Haben sie Mir und sich selbst das Geschuldete erwiesen, dann wenden sie dem Nächsten die ihm vor allem gebührende Liebe und unablässiges Gebet zu. Sie erstatten ihm auch den schuldigen Anteil an Unterweisung, an vorbildlichem, heiligem und ehrbarem Leben und stehen mit Rat und Hilfe bei, wie er es zu seinem Heil bedarf.
Welchem Stand ein Mensch auch angehöre, sei er Fürst, Vorsteher oder Untergebener: wenn er diese Tugend besitzt, so wird auch alles, was er dem Nächsten gegenüber tut und gibt, mit Unterscheidung und in Liebeszuneigung geschehen, da dies beides innig verbunden und verwachsen und ins Erdreich wahrer Demut gepflanzt ist, die ihrerseits der Selbsterkenntnis entstammt.



04.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Die Tugend der Unterscheidung (Teil I)

9) Solcherart sind die heiligen und sanften Werke, die Ich von Meinen Knechten verlange. Nicht etwa bloß jenes Gute, das nach außen sichtbar ist und mit Hilfe des Leibes geschieht oder in all den verschiedenartigen Bußübungen besteht, die wohl ein Mittel zur Tugend, nicht aber sie selbst sind. Bestünde sie darin allein und nicht auch in der oben angeführten Bewährung, dann gefiele sie Mir wenig. Ja wenn die Seele ohne kluge Unterscheidung Buße täte, das heißt ihren Eifer hauptsächlich auf die unternommenen Kasteiungen richtete, so stünde sie ihrer Vollkommenheit oft nur im Weg. Sie muss ihren Eifer in der Liebe begründen, mit heiliger Abscheu vor dem eigenen Ich, in wahrer Demut und vollendeter Geduld und all den übrigen Tugenden vereint mit Hunger und Sehnsucht nach Meiner Verherrlichung und dem Heil der Seelen.
Mit andern Worten: Wer aus der Buße das Fundament macht, der behindert seine Vollkommenheit, weil so etwas nicht mit Unterscheidung im Licht der Selbsterkenntnis und der Erkenntnis Meiner Güte erfolgt. Er richtete sich nicht nach Meiner Wahrheit, weil er aus mangelnder Unterscheidung nicht liebt, was Ich vor allem liebe, und nicht verabscheut, was Ich am meisten hasse. Denn die Unterscheidung ist nichts anderes als echte Erkenntnis, wie sie die Seele von sich selbst und von Mir haben muss: in dieser Erkenntnis, einem Schößling der Liebe, der ihr aufgepfropft und mit ihr verwachsen ist, ist sie verwurzelt.
Es stimmt zwar, daß sie zahlreiche Schößlinge hat, wie ein Baum viele Zweige; Leben aber spendet dem Baum und den Zweigen die Wurzel, sofern sie in das Erdreich der Demut eingepflanzt ist, der Amme und Nährmutter der Liebe. Sonst gäbe es keine Tugend der Unterscheidung und sie vermöchte keine lebendigen Früchte hervorzubringen, denn die Demut stammt aus der Selbsterkenntnis. Ich sagte es dir schon: die Wurzel der Unterscheidung ist die echte Selbsterkenntnis und die Erkenntnis Meiner Güte, und diese kann allso gleich jedem zuteilen, was ihm gebührt.



03.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Die Tugenden erweisen sich an ihrem Gegenteil

8) Nun will Ich dir sagen, dass der Mensch im Nächsten die Kraft seiner Geduld erprobt, wenn ihn dieser schmäht. Demut erweist sich am Hochmütigen, Glaube am Treulosen, wahre Hoffnung an dem, der nicht hofft; Gerechtigkeit erprobt sich am Ungerechten, Mitleid am Grausamen, Milde und Menschenfreundlichkeit am Zornmütigen.
Ja, die Tugend erweist sich nicht bloß an denen, die Böses mit Gutem vergelten, sondern Ich sage dir, sie lässt wie im Feuerbrand der Liebe erglühte Kohlen Hass und Missgunst im Herzen und Geist des Zornmütigen schmelzen, und dieser wendet sich dann nicht selten vom Hass zur Gütigkeit. Und das geschieht durch die Tugend der Liebe und der vollendeten Geduld im Herzen dessen, der den Zorn des Ungerechten und all seine Fehler trägt und erträgt.
Auch die Tugend des Starkmutes und der Ausdauer wird im vielen Dulden erprobt, durch Schmähungen und Verleumdung der Menschen, die bald scheltend, bald schmeichelnd Meinen Knecht davon abzuhalten suchen, dem Weg und der Weisung der Wahrheit zu folgen; er aber erzeigt sich in allem stark und beharrlich, sofern er die Tugend des Starkmuts in sich empfangen hat er wird sie, wie Ich dir gesagt habe, auch nach außen am Nächsten erweisen. Wenn sich aber der Starkmut zur Zeit der Prüfung und in den zahlreichen Widerwärtigkeiten nicht bewährt, dann ist er nicht in der Wahrheit begründet.




02.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Die Vielfalt der Tugenden hinsichtlich der Liebe

Hat die Seele aus der Kraft der Liebe, die sie mit Mir vereint und auch den Nächsten lieben lässt, für sich selber Nutzen gezogen und ihre Liebe auf die ganze Welt ausgedehnt und hat sie ihre eigene Not erwogen, dann bemüht sie sich, ihr Auge auf die Bedürftigkeit des Nächsten im besonderen zu richten entsprechend den verschiedenen Gnaden, die Ich ihr zu verwalten gab: der eine tut es durch mündliche Belehrung, durch klaren, furchtlosen Rat, ein anderer durch sein Lebensvorbild. Und jeder soll das tun: den Nächsten durch ein gutes und heiliges Leben erbauen.
Diese und noch viele andere, gar nicht zu schildernde Tugenden werden bei der Verwirklichung der Nächstenliebe geboren, denn Ich habe sie verschieden verteilt, indem ich nicht sämtliche einem Einzigen verlieh, vielmehr dem einen diese, dem andern jene. Keiner aber kann die eine ohne die übrigen wahrhaft besitzen, da alle Tugenden untereinander verbunden sind. Aber unter allen ist jeweils eine führend, das heißt: dem einen schenke Ich vor allem die Liebe, einem anderen die Gerechtigkeit oder die Demut, diesem lebendigen Glauben, jenem Klugheit, Maß, Geduld und Starkmut und so fort.
So gibt es viele Gaben und Lebensgnaden sowohl geistlicher wie leiblicher Art. Leiblicher Art sage Ich hinsichtlich der zum menschlichen Leben notwendigen Dinge; letztere habe ich so unterschiedlich verteilt und nicht alle gesamthaft gegeben, damit ihr gezwungen seid, euch gegenseitig Liebe zu erweisen. Ich hätte sehr wohl den Menschen samt dem, was er für Leib und Seele braucht, erschaffen können, wollte aber, dass der eine auf den andern angewiesen sei, und alle als Meine Diener die von Mir empfangenen Gnaden und Geschenke verwalten. Der Mensch mag wollen oder nicht, er kann sich es sei denn gewaltsam den Werken der Liebe nicht entziehen. Wahr ist es freilich: wenn sie nicht aus Liebe zu Mir getan und verteilt werden, haben sie keinen übernatürlichen Wert. Siehst du, damit sie die gegenseitige Liebe verwirklichen können, habe Ich die Menschen als Meine Verwalter in verschiedene Stände und Stellungen gesetzt; dies beweist euch, dass es in Meinem Haus viele Wohnungen gibt (Joh 14,2), dass Ich aber nichts anderes will als Liebe. Denn die Liebe zu Mir umfasst auch die Liebe zum Nächsten, und in ihr wird das Gesetz erfüllt. Was einer seinem Stand entsprechend an guten Werken zu tun vermag, das tut er, insoweit er in diese Liebe hineingebunden bleibt.



01.05.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Jedes Gute und jedes Unrecht
geschieht in Verbindung mit dem Nächsten

6) Ich lasse dich wissen: alles Gute und jedes Unrecht geschieht in Verbindung mit dem Nächsten. Wer Mir gegenüber ohne Liebe bleibt, schadet dem Nächsten und sich selbst als dem Allernächsten, und zwar im Allgemeinen wie im Besonderen.
Allgemein seid ihr verpflichtet, den Nächsten wie euch selbst zu lieben. Liebend sollt ihr ihm geistig durch euer Gebet und ratend durch euer Wort helfen und ihm im Geistigen und Zeitlichen beistehen, je nach seiner Bedürftigkeit, wenigstens der Absicht nach, wenn es anders nicht geht. Ebenso geschieht auch alles Unrecht in Verbindung mit dem Nächsten; denn wer Mich nicht liebt, hat keine Nächstenliebe. Und alle Übel sind darauf zurückzuführen, dass es der Seele an Liebe zu Mir und zum Nächsten gebricht. Wer nichts Gutes wirkt, tut eben damit schon Unrecht. Und gegen wen richtet sich das Unrecht und an wem erweist es sich? Zuerst gegen den Menschen selbst und dann gegen seinen Nächsten: nicht aber gegen Mich, denn Mir kann kein Schaden zugefügt werden, außer insoweit als Ich das, was man dem Nächsten antut, als Mir angetan erachte. Der Mensch schadet sich selbst durch die Sünde, die ihn der Gnade beraubt, und Schlimmeres kann ihm nicht zustoßen. Dem Nächsten schadet er, indem er ihm die geschuldete Zuneigung und Liebe versagt, kraft welcher Liebe er ihm mit Gebet und heiligem Verlangen, das er Mir für ihn darbringt, beistehen soll. Unterlässt er dies, dann schadet er dem Nächsten, weil er ihm nicht bloß das geschuldete Gute vorenthält, sondern fortwährend Böses und Schaden zufügt. Und wie das? Indem die Sünde, die in der Tat und im Geiste geschieht, geistig bereits geschehen ist, wenn der Mensch Lust an der Sünde und Abscheu gegen das Gute in sich empfangen hat, nämlich Lust an seiner sinnlichen Selbstsucht. Dies hat ihn der Mir und dem Mitmenschen geschuldeten Liebe beraubt. Wenn er auf solche Weise empfangen hat, dann gebiert er Unrecht über Unrecht gegen den Nächsten auf vielerlei Art, wie es seine entartete Sinnlichkeit gelüstet.
7) Ärgernis, Hass, Grausamkeit und alles Ungebührliche entstammt dieser Wurzel der Selbstsucht. Sie hat die ganze Welt vergiftet, hat den mystischen Leib der heiligen Kirche und den weltumfassenden Leib der Christenheit verseucht. Darum sagte Ich dir, daß sich alles Gute im Nächsten, nämlich in der Liebe zu ihm begründet, und das ist Wahrheit. Die Nächstenliebe verhilft allen Tugenden zum Leben, und ohne Liebe kann man keine haben; das heißt: Tugend erwirbt sich nur aus reiner Liebe zu Mir.
Sobald der Mensch sie empfangen hat, gebiert er sie unverzüglich dem Nächsten, denn anders ließe sich nicht erweisen, daß er sie wahrhaft empfangen hat. Doch wenn er Mich wirklich liebt, ist er auch dem Nächsten von Nutzen; das kann gar nicht anders sein, weil die Liebe zu Mir und zum Nächsten ein und dieselbe Liebe ist: im Maße als die Seele Mich liebt, liebt sie auch ihn, denn Mir entströmt die Liebe, die sie zu ihm trägt.



30.04.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Verlangen und Herzensreue aus Liebe vermögen zu sühnen (Teil IV)

5) Das Verlangen, jede Art von Leiden und Mühsal für das Heil der Seelen bis zum Tod zu ertragen, ist Mir sehr wohlgefällig. Je mehr der Mensch auf sich nimmt, desto mehr zeigt er, dass er Mich liebt. Je mehr er Mich aber liebt, desto tiefer dringt er in die Erkenntnis Meiner Wahrheit ein, und je größer diese Erkenntnis wird, umso unerträglicher schmerzt ihn das Mir angetane Unrecht. Du verlangtest, die Sünden anderer zu tragen und zu sühnen und hast nicht bemerkt, dass du damit Liebe, Licht und Erkenntnis der Wahrheit erbatest, denn Ich sagte dir schon: je größer die Liebe ist, umso mehr steigern sich Schmerz und Leid. Also sage ich euch: Bittet und ihr werdet empfangen (Mk 2,24).

Wer Mich in Wahrheit bittet, dem werde Ich nichts versagen. Denk daran, die göttliche Liebe ist in der Seele mit der vollkommenen Geduld so eng vereint, dass die eine nicht verlorengehen kann, ohne dass auch die andere entschwindet. Darum muss die Seele, so wie sie die Liebe zu Mir erwählt, auch das Leiden für Mich auf sich nehmen, was und wie immer Ich ihr zuteile. Die Geduld bewährt sich nur im Leiden. Duldet also tapfer, sonst erweist ihr euch nicht als Meine teuren Angelobten und die Kinder Meiner Wahrheit und wärt es auch nicht, noch läge euch etwas an Meiner Verherrlichung und am Heil der Seelen.



29.04.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Verlangen und Herzensreue aus Liebe vermögen zu sühnen (Teil III)

Nicht Meine Barmherzigkeit hat hier versagt, noch der Mensch, der Erbarmen für den Undankbaren erflehte, einzig ihre eigene Erbärmlichkeit und Herzenshärte. Sie haben mit der Hand ihrer vernunfthaften Willensfreiheit ihr Herz mit einem diamantharten Stein verriegelt, der, falls er nicht unter der Wirkung des Blutes birst, nicht wegzusprengen ist. Doch Ich sage dir: ein solcher Mensch kann trotz seiner Herzenshärte, solange es noch Zeit ist, seine freie Vernunft gebrauchen und das Blut Meines Sohnes erbitten, das er mit derselben Hand auf sein hartes Herz bringen soll. Dadurch wird er es aufsprengen und so der Frucht des für ihn bezahlten Blutes teilhaftig werden. Verschiebt er das aber und es vergeht die Zeit, dann gibt es für ihn kein Hilfsmittel mehr, weil er die Mitgift, die Ich ihm mitgegeben habe, nicht zurückerstattet hat. Denn Ich gab ihm das Gedächtnis, damit er sich Meiner Wohltaten erinnere, den Verstand, damit er die Wahrheit erkenne, und das Liebesvermögen, damit er Mich, ewige Wahrheit, die er erkannte, nun auch liebe.
Du siehst, wie das Verlangen einer in Mir, dem unendlichen Gut, geeinten Seele zu sühnen vermag: wenig oder sehr viel, je nach der Liebesvollkommenheit dessen, der Gebet und Verlangen darbietet, und je nach dem Verlangen des andern, der empfängt. Nach der Liebeskraft, womit der eine Mir gibt und der andere entgegennimmt, wird diesem von Meiner Güte zugemessen werden. Also wachse das Feuer deines Verlangens: lass keine Zeit verstreichen, ohne mit demütiger Stimme und unermüdlichem Gebet für sie zu Mir zu rufen. Darum sage Ich dir, wie auch dem Vater deiner Seele, den Ich dir auf Erden bestimmt habe: tragt mannhaft, und du sei jeder Sinnlichkeit erstorben.



28.04.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Verlangen und Herzensreue aus Liebe vermögen zu sühnen (Teil 2)

So werdet ihr also, du und Meine anderen Knechte1, sobald ihr Meine Wahrheit erkannt habt, vielerlei Drangsale, Schmähungen und Vorwürfe in Wort und Tat zu erdulden haben bis zum Tod, zum Ruhm und Lobpreis Meines Namens. Ertraget also in wahrer Geduld, im Schmerz über die Schuld und in Liebe zur Bewährung im Guten. Wenn ihr also tut, dann will Ich für deine Sünden und die Meiner anderen Knechte genugtun, damit eure erduldeten Leiden in der Kraft der Liebe für euch selber und für die andern zu sühnen und zu zahlen vermögen. Früchte des Lebens werdet ihr einheimsen, die Makel eurer Unwissenheit sollen getilgt sein, und Ich werde Mich nicht mehr daran erinnern, dass ihr Mich je beleidigt habt. Den übrigen aber will Ich eure Liebe und Hingabe anrechnen und ihnen je nach ihrer Bereitschaft Meine Gaben schenken. Denen vor allem werde Ich Schuld und Strafe nachlassen, die sich in Demut und Ehrfurcht bereitmachen, die Unterweisung Meiner Knechte aufzunehmen. Um eures Verlangens willen werden sie Verzeihung und Gnadengaben empfangen, sofern ihre Verstocktheit nicht derart ist, dass sie aus Verzweiflung von Mir verstoßen werden wollen und die
Kraft des Blutes verachten, mit dem sie in solcher Milde erkauft worden sind. Und worin besteht die Frucht, die sie erhalten? Darin, dass Ich sie, bezwungen von den Gebeten Meiner Knechte, erwarte, ihnen Licht gewähre und den Hund des Gewissens in ihnen wecke. Ich lasse sie den Duft eines guten Lebens verkosten und Freude finden im Umgang mit Meinen Knechten.

Die unermessliche Liebe, mit der Ich sie erschuf, zwingt Mich dazu, und auch die Gebete, das Verlangen und der Schmerz Meiner Knechte, denn Ich bin kein Verächter ihrer Tränen und ihres Schweißes und demütigen Gebetes, sondern nehme es auf: Ich bin es ja, der sie lieben und über das Verderben der Seelen trauern lehrt. Den allgemeinen Sündern erlasse Ich dann wohl die Schuld, nicht aber die Strafe, da sie ihrerseits nicht gewillt sind, Meine Liebe und die Meiner Knechte in vollkommener Liebe entgegenzunehmen. Sie tragen ihren Schmerz nicht in der Bitternis vollkommener Reue über ihre Schuld, sondern nur in unvollkommener Liebe und Reue, weil sie aber unvollkommen sind, nehmen sie auch das vollkommene Verlangen derer, die es Mir in Schmerzen für sie anbieten, auf unvollkommene Weise entgegen.
Falls sie das ihnen Auferlegte als Läuterung annehmen und der Milde des Heiligen Geistes keinen Widerstand entgegensetzen, gewinnen sie daraus das Gnadenleben und lassen ab von der Sünde. Bleiben sie aber unbelehrbar Mir gegenüber und undankbar und verständnislos für die Anstrengungen Meiner Knechte, so wird ihnen das aus Erbarmen Geschenkte zu Verderben und Verdammnis.
1 Katharina verwendet, um ihr Dienstverhältnis und das ihrer Gefährten sowie aller Ordensleute und Gottgeweihten zu bezeichnen, das Wort «servi», Knechte; Diener («ministri» im Sinne von «ministrare», ausspenden, verwalten) nennt sie ausschließlich die Priester.



27.04.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN

DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Verlangen und Herzensreue aus Liebe vermögen zu sühnen (Teil I)

4) Ich habe dir gezeigt, geliebtestes Kind, dass die Schuld in dieser Zeitlichkeit durch kein noch so großes Leiden je gesühnt werden kann, sofern man es bloß als ein solches erduldet. Hingegen gereicht es zur Sühne, wenn es in Verlangen, Liebe und Herzenszerknirschung ertragen wird. Denn dieses Verlangen, wie jede andere Tugend, empfängt Wert und Lebenskraft vom gekreuzigten Christus, Meinem eingeborenen Sohn, und zwar in dem Maße, als die Seele aus Ihm ihre Liebe geschöpft hat und mannhaft Seinen Spuren gefolgt ist.
Du erflehst dir Leiden von Mir, um für das Unrecht zu sühnen, das Mir Meine Geschöpfe antun, und verlangst danach, Mich höchste Wahrheit zu erkennen und zu lieben. Wenn du zur vollen Erkenntnis gelangen und Mich, ewiges Leben, verkosten willst, dann ist dies der Weg: nie darfst du aus der Selbsterkenntnis heraustreten; verharre erniedrigt, wie du bist, im Tal der Demut, so wirst du Mich in dir erkennen und aus dieser Einsicht dir schöpfen, was du brauchst und was dir unentbehrlich ist.
Keine Tugend kann aus sich selber das Leben haben; sie schöpft es aus der Liebe. Die Amme und Nährmutter der Liebe aber ist die Demut. In der Selbsterkenntnis wirst du dich demütigen, weil du einsiehst, dass du durch dich selbst nichts bist; in Mir wirst du dein Sein erkennen; in Mir, Der Ich euch geliebt habe, ehe ihr wart. In Meiner unaussprechlichen Liebe zu euch und in der Absicht, euch aus Gnade zu schaffen, habe Ich euch im Blut Meines eingeborenen Sohnes, das er in solch brennender Liebe für euch vergossen hat, gewaschen und neugeschaffen.

Wer die Wolke der Eigensucht durch Selbsterkenntnis in sich zerstreut hat, den lässt dieses Blut die Wahrheit erkennen, und er wird sich in unsäglicher Liebe an Meiner Erkenntnis entzünden; diese Liebe aber schafft der Seele auch dauernde Pein, keine belastende zwar, die sie bedrücken oder ausdörren würde, im Gegenteil, sie lässt sie aufblühen. Aber weil sie Meine Wahrheit und ihre eigene Schuld wie auch den Undank und die Blindheit des Nächsten erkannt hat, leidet sie unbeschreiblich; sie leidet, weil sie Mich liebt.



26.04.2020
I.
ANTWORT AUF DIE ERSTE BITTE:
ERBARMEN FÜR DIE BITTSTELLERIN
DIE GABE DER UNTERSCHEIDUNG

Endliches Leid genügt nicht zur Sühne unendlicher Schuld

3) Da entrückte und zog die ewige Wahrheit das Verlangen der Seele gewaltiger zu Sich empor und tat, was Er im Alten Bund zu tun geruhte, wenn sie Gott ein Opfer bereiteten, und Er im Feuer herabfuhr, um die Ihm wohlgefällige Gabe zu sich empor zu nehmen. So tat die süße Wahrheit mit dieser Seele, sandte das milde Feuer des Heiligen Geistes herab und ergriff das Ihm bereitete Opfer ihres Verlangens mit den Worten : Weißt du denn nicht, mein Kind, dass sämtliche Leiden, die eine Seele in diesem Leben erduldet oder erdulden könnte, niemals ausreichen, auch nur die geringste Schuld zu sühnen? Denn die Mir, dem höchsten Gut, angetane Beleidigung fordert unendliche Sühne. Ich will daher, dass du einsiehst: nicht alle Leiden in diesem Leben werden zur Strafe gesandt, sondern zur Besserung, damit das Kind gezüchtigt werde, wenn es sündigt. Das aber ist wahr: durch das Verlangen der Seele geschieht Genugtuung, nämlich in der wahren Reue und in der Abscheu vor der Sünde. Wahre Reue leistet Sühne für Schuld und Strafe, nicht aber aufgrund begrenzter Leiden, die der Mensch erdulden könnte, sondern durch sein grenzenloses Verlangen; denn Gott, der Unendliche, will unendliche Liebe und unendlichen Schmerz.
Unendlichen Schmerz fordert Er in zweierlei Hinsicht: einmal über das Unrecht, das man selbst seinem Schöpfer angetan hat, und ferner über das Unrecht, das man den Nächsten tun sieht. Weil solche Seelen ein grenzenloses Verlangen in sich tragen (das heißt mit Mir in Liebe geeint sind und sich aus diesem Grund betrüben, wenn sie selber sündigen und andere sündigen sehen), deshalb erhält jedes von ihnen erduldete Leiden, sei es körperlicher oder geistiger Art und woher immer es ihnen auch zukommen mag, unendlichen Wert und sühnt jene Schuld, die unendliche Strafe verdient hätte. Mögen es auch endliche und in der vergänglichen Zeit vollbrachte Werke sein: da sie in der Tugend getan und die Leiden in Verlangen, Reue und grenzenloser Abscheu vor der Sünde ertragen worden sind, haben sie Gültigkeit.



25.04.2020

EINGANG: DIE VIER BITTEN DER SEELE (Teil II)

2) Ihr Verlangen war groß und anhaltend; es steigerte sich her noch um vieles, als ihr von der ewigen Wahrheit die Not der Welt gezeigt worden war, und in welcher Empörung und Feindschaft wider Gott sie sich befindet. Dies hatte sie auch aus einem Brief ihres geistlichen Vaters1 erfahren, der über die Beleidigung Gottes, das Verderben der Seelen und die Verfolgung der heiligen Kirche unsäglichen Schmerz verriet. All das entflammte in ihr das Feuer heiligen Verlangens, den Schmerz über das Unrecht und zugleich eine frohgemute Zuversicht, die sie von Gott Abhilfe so großer Übel erhoffen ließ.
Und da die Seele bei der Kommunion ja inniger mit Gott vereint wird und sie Seine Wahrheit tiefer erfasst (die Seele ist ja dann in Gott und Gott in der Seele, wie der Fisch im Meer und das Meer im Fisch), deshalb sehnte sie den Morgen herbei, um der heiligen Messe beiwohnen zu können; es war aber ein Marientag. Als der Morgen angebrochen und die Stunde der Messe gekommen war, da fand sie sich mit brennender Sehnsucht ein, in tiefer Selbsterkenntnis und voll Scham über ihre Fehler. Diese schienen ihr die Ursache alles Unheils auf der gesamten Welt zu sein, und so erfasste sie Hass und Abscheu gegen sich selbst mitsamt einer Empfindung heiliger Gerechtigkeit.
In solcher Erkenntnis, Abscheu und Gerechtigkeit reinigte sie sich von den Befleckungen der Schuld, die sie in ihrer Seele wahrzunehmen meinte, und die auch darin waren, und betete so: O ewiger Vater, an Dich wende ich mich, auf dass Du meine Verfehlungen noch in dieser Zeitlichkeit strafst. Da ich ja um meiner Sünden willen die Ursache der Leiden bin, die mein Nächster ertragen muss, so bitte ich Dich, Du wollest sie in Güte an mir strafen.
1 Der Dominikaner Raymund von Capua.



24.04.2020

EINGANG: DIE VIER BITTEN DER SEELE (Teil I)

1) Wenn eine Seele, von tiefstem Verlangen nach der Ehre Gottes und dem Heil der Seelen bedrängt, sich selber überstiegen, eine Zeitlang im Guten sich bewährt und angewöhnt hat, in der Zelle der Selbsterkenntnis zu weilen, um Gottes Liebe in ihr besser zu erkennen - denn die Liebe folgt auf das Erkennen -, dann versucht sie liebend der Wahrheit nachzufolgen und sich mit ihr zu bekleiden. Und da sie auf keine andere Weise die Wahrheit so verkostet und von ihr so erleuchtet wird als im demütigen und unablässigen Gebet, das in der Selbst- und Gotteserkenntnis gründet, und da das auf die erwähnte Art geübte Gebet die Seele auf den Spuren des gekreuzigten Christus mit Gott vereint, so macht es aus ihr durch Verlangen, Hingabe und Liebeseinigung ein anderes Ich.

Dies wollte offenbar Christus sagen, als Er sprach: Wer Mich liebt und Meine Worte hält, dem werde Ich Mich offenbaren, und er wird eins sein mit Mir und Ich mit ihm (Joh 14,23). Noch an mehreren Stellen finden wir ähnliche Worte, aus denen wir erkennen können, dass Er die Wahrheit ist und die Seele durch die Liebeshingabe ein zweiter Er wird.
Um dies anschaulicher zu machen: ich entsinne mich, von einer Dienerin Gottes gehört zu haben; als diese betend in großer Geistesentrückung emporgehoben wurde, da verbarg Gott ihrem Geistesauge Seine Liebe zu Seinen Knechten keineswegs, vielmehr offenbarte Er sie ihr und sprach: Öffne das Auge deines Geistes und schau in Mich, hier wirst du die Würde und Schönheit Meines vernunftbegabten Geschöpfes erkennen. Und mit dieser Würde, die Ich der Seele verlieh, als Ich sie nach Meinem Bild und Gleichnis erschuf, betrachte auch die Schönheit derer, die mit dem hochzeitlichen Gewand bekleidet und mit vielen echten Tugenden geschmückt, Mir in der Liebe geeint sind. Und fragtest du Mich, wer sie seien, Ich würde dir antworten (so sprach das süße, liebreiche Wort): Sie sind Mein zweites Ich: sie haben ihrem eigenen Willen entsagt, ihn ertötet und sich mit dem Meinigen bekleidet, indem sie sich mit ihm eins und gleichförmig machten.

Es ist also wahr, dass die Vereinigung der Seele mit Gott in der Liebeshingabe geschieht, und zwar so tief, dass jene Seele, im Verlangen, die Wahrheit besser zu erkennen und ihr kühner nachzufolgen, ihr Sehnen emporrichtete, zuerst für sich selbst, indem sie erwog, dass sie dem Nächsten weder durch Unterweisung noch Beispiel und Gebet nützen könne, falls sie sich nicht zuvor selber helfe, nämlich das Gute in sich selbst habe und erwerbe. Deshalb trug sie dem höchsten und ewigen Vater vier Bitten vor:

Die erste für sich selbst.
Die zweite für die Erneuerung der heiligen Kirche.
Die dritte für die gesamte Welt im Allgemeinen und im Besonderen für den Frieden unter den Christen, die der heiligen Kirche ohne jede Ehrfurcht nachstellen und sich gegen sie empören.
In der vierten flehte sie die göttliche Vorsehung an, für alle insgesamt und im besonderen zu sorgen.1

1 In der Beantwortung der Bitten wird die Reihenfolge umgestellt und entsprechend auch am Ende (Kp. 166) zusammengefasst. Der Gedankenweg läuft vom Einzelnen (d. h. Katharina und ihrer Lage = Buch I) zur Gesamtmenschheit (an der der Gesamtlösungsplan Gottes entwickelt wird = Buch 2) zur Kirche (als Weg und Mittel der Erlösung = Buch 3) und erhöht sich zuletzt zu einer Perspektive, die zugleich die breiteste (Gesamtvorsehung) und die zentralste Sicht (Ordensstand als Brennpunkt von allem) bietet. (= Buch 4).